
| Das Fenster dieser Klosterkirche
ist in Buntheit gehüllt: Wir sehen das Grün
der
Wiesen und Wälder, das Blau der Flüsse und Seen, das
Gelb
der leuchtenden Sonne. Diese Farben bestimmen das Glasfenster.
Wenn wir unser Fenster betrachten, dann fällt
auf: es wird nicht nur durch Farben gegliedert, sondern auch durch
Linien.
Waagrechte und senkrechte Linien sind es. Vor allem waagrechte. Krumme
Linien kommen nicht vor, keine geschwungenen Formen. Kein Kreis oder Oval
sind zu sehen. Das Blau des Wassers fließt in Geraden dahin, nicht
in wogenden Wellen. Das Wasser fließt wie in Kanälen. Diese
Betonung der waagrechten Linien gibt dem Fenster Ebenmäßigkeit.
Die waagrechten Linien stehen in spannungsreichem Gegensatz zu den senkrechten
Betonrippen des gesamten Fensters. Im oberen Teil herrscht die Waagrechte
vor, herrschen
Ebenmaß und Geradlinigkeit. Das kann
in uns Sehnsucht wecken nach Geradlinigkeit des Lebens, nach Ebenmaßund
Gleichmaß - gegen Hektik, Wirrwarr und Unordnung. Aber im linken
unteren Teil des Fensters finden sich waagrechte und senkrechte Linien.
Ja, dort kreuzen sich die Linien. Durchkreuztes Leben scheint auf. Von
links her stößt ein langer Kreuzesbalken in das Fenster hinein.
Wir werden an ein Kreuz erinnert, das getragen wird. Vor unserem inneren
Auge erstehen Bilder von Christus, der das Kreuz trägt. Und dann ragen
vor uns mehrere Kreuze auf. Die drei vertikalen Linien werden beim Hinschauen
zu Kreuzesbalken. Ein Kreuz in der Mitte, flankiert von zwei Kreuzen, zeigt
sich dem
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Jesus ist in dieses unser durchkreuztes Leben eingegangen und zugleich zum Vorträger des Kreuzes geworden. Er trägt unsere Kreuze mit, und wir dürfen unsere Kreuze als Kreuze Christi tragen (vgl. Kol 1,24). Die gekreuzten Linien, die Kreuze links unten, kann der Betrachter auch anders sehen: als Fensterkreuz. Dem Beschauer tut sich nun ein Fenster auf. Ein Fenster ist immer Öffnung - für Licht und Luft. Ein Fenster scheidet Innen und Außen. Und ein Fenster verbindet Innen und Außen. Unser Fenster ist ein Fenster nach draußen, Fenster zur Stadt. Rechtecke werden jetzt zu Häusern. Und dieses Haus Gottes - die Kirche - ist verbunden mit den vielen Häusern draußen. Wir können in den blauen Bändern des Fensters Kanäle erkennen und Weiher und Schwimmbäder. Da erstrecken sich Bänder von Straßen, Häuserblöcke - kurz: die Stadt draußen leuchtet hinter und in dem Fenster auf und wird rückgebunden in den Innenraum der Kirche, in das Haus des Gebetes und der Versammlung der Gläubigen, wo wir den Tod und die Auferstehung des Herrn verkünden. Ja, das Fenster der Kirche wird zum Fenster zur Welt. Die Kirche Christi ist nicht Selbstzweck, sondern Gemeinschaft Gottes, die Zeugnis gibt von dem Leben, das uns allen verheißen ist und das wir als gläubige Christen bekennen. Blicken wir weiter auf das Fenster! Es ist auch Fenster zu Gott. Im Blick auf das Grün des Lebens wird der Blick erhoben zu Gott, der das Leben ist. Der Blick auf das Blau läßt uns eintauchen in die Wasser des Lebens, die von Gott ausströmen. Der Blick auf das Gelb weckt in uns die Sehnsucht nach d e m Licht, in dem alles hell wird und klar und warm zugleich. Der Blick auf die Kreuze des durchkreuzten Lebens läßt uns nicht vergessen, daß unser Leben mit Christus gekreuzigt ist, aber auch mit Christus zu neuem Leben erstehen wird. Das Fenster dieser Kirche lädt uns ein, die Fenster unserer Herzen aufzutun für Gott und füreinander; denn in Christus, "dem Fenster zum Vater", ist Gott zu uns gekommen. Verweilen wir in dieser Kirche und lassen uns von der Botschaft des Fensters anrufen - und antworten wir mit unserem Herzen! (Leicht veränderter Auszug aus
der Predigt von |
GOTT LEBT.
ALLZEIT STEHE ICH
VOR SEINEM ANGESICHT
(1 KÖN 17,1)